Dragon's Eye

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Dienstag, 17. März 2015

MARRAKECH - JEMÂA EL-FNA


Jemâa el-Fna – der Platz im Zentrum der Medina – hier spielt sich das Leben ab! Der Name bedeutet „Versammlung der Toten“ und erinnert an die Zeit, als auf dem Areal die aufgespießten Köpfe hingerichteter Verbrecher zur Schau gestellt wurden. Damals wie heute: der einstige Schauplatz von Paraden und Exekutionen ist auch heute noch der unumstrittene Mittelpunkt des modernen Stadtlebens. In Europa sagt man: „Alle Wege führen nach Rom.“ In Marrakech führen alle Wege zum Jemâa el-Fna!

Anstelle der schaurigen Attraktionen sind Akrobaten, Affenbesitzer,  Schlangenbeschwörer, farbenfroh gekleidete Wasserverkäufer, und vieles mehr zu sehen. Die Stadt ist bemüht, dem Platz ein ordentliches Aussehen zu verleihen. Jeder Stand hat seine eigene Nummer und den immer gleichen Standort, dennoch behält er sein chaotisches Flair.
Wir haben den Platz zu ganz unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten besucht und er hat bei uns immer wieder einen anderen Eindruck hinterlassen. In den frühen Morgenstunden wirkt der Platz sehr leer. Das ein oder andere Auto überquert in einer recht flotten Geschwindigkeit den Jemâa el-Fna. Die ersten Händler lassen sich nieder, die Schlangenbeschwörer stellen ihre Körbe ab und nehmen ihre Tiere heraus. Zu dieser frühen Tageszeit bewegen sich die Schlangen und folgen ihrem Führer noch ohne jedes Flötengeräusch... die Flöte kommt erst am späten Nachmittag zum Einsatz, wenn genügend Touristen faszinierend versuchen das ein oder andere Foto zu machen ;) Wichtig: jedes Foto kostet hier ein Trinkgeld!



Einzig die Orangensaft-Stände machen den Eindruck, dass sie immer hier sind. Aber nein, sie sind nur die Ersten auf dem Platz. Schon bei Tagesanbruch kann man hier sehr leckeren und vor den Augen frisch gepressten Orangensaft für unschlagbare 0,40 EUR (40DRH) kaufen und genießen. Im Nachhinein haben wir uns fast geärgert, dass wir uns nicht jeden Tag – egal zu welcher Uhrzeit – einen frischen Orangensaft gekauft haben, diesen Geschmack reifer Saftorangen habe ich in Europa noch nie so gefunden.

Gegen Mittag füllt sich der Platz immer mehr: die Wahrsager, meist alte Frauen mit faltigen Gesichtern – warten unter ihren ausgebleichten Sonnenschirmen auf Kundschaft, um ihnen mit Tarot-Karten die Zukunft vorherzusagen. Zu den Wahrsagerinnen gesellen sich schnell die Hennafrauen. Wenn man nicht aufpasst, bekommt man ganz schnell eine kleine Hennablume auf die Hand oder auf den Unterarm gemalt – ein sogenanntes Geschenk, das man mit einem Trinkgeld vergütet.




Gleich neben den Wahrsagerinnen und Hennamalerinen sitzen Kräuterärzte auf ihren Decken, verkaufen ihre Naturheilmittel oder besser gesagt Wundermittel – Mixturen aus zerriebenen Wurzeln, getrockneten Kräuter und gedörrten Körperteilen von Tieren - gegen Kopfschmerzen, böse Blicke oder sonstige „Wehwehchen“. Viele dieser Ärzte bieten auch das aus Marokko stammende Arganöl zum Verkauf an, aber der sehr sehr günstige Preis deutet schon darauf hin, dass es sich hier nicht um das original Arganöl handeln kann, sondern um eine gepanschte Mischung.
Neben den Kräuterärzten gibt es auch Zahnärzte. Diese Sitzen hinter einem Tisch voller gezogener Zähne, Gebissteile und ganzer Gebisse…inwieweit, sie Menschen von tatsächlichen Zahnschmerzen befreien können, ist fraglich, aber vielleicht wirkt ihre Medizin bei Einheimischen anders als möglicherweise bei uns Europäern. Das eigentliche Ziehen von Zähnen ist ihnen mittlerweile verboten worden.




Die Akrobaten – oft athletische junge Männer – unterhalten die Zuschauer mit spektakulären Darbietungen, um etwas Kleingeld zu verdienen. Andere versuchen mit kleinen Trommeln und Lautstärke die Gunst der Zuschauer auf sich zu ziehen. Die früher häufiger vertretenen Geschichtenerzähler werden leider immer weniger. Angeblich gibt es nur noch drei. Sie versammeln oft 20-30 Einheimische um sich, die gespannt den Sagen und Legenden folgen – ein Tourist, ist hier leider verloren, da er mit der Sprache und der dargebotenen Spannung und Dramatik nichts anfangen kann.
Zusammenfassend: der Jemâa el-Fna ist ein ungeplantes Meisterwerk und nicht zu Unrecht und zweifellos würdig von der UNESCO als ein „Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ ausgezeichnet worden. In diesem Programm werden immatrielle Kulturgüter wie Liederzyklen, Theatertraditionen und heilige Orte aufgenommen, um dein einzigartigen Stellenwert dieser Güter zu verdeutliche und um zu ihrem Erhalt beizutragen.



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